Führung in der Feuerwehr wird oft auf Befehle und Hierarchie reduziert. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Gute Führung entsteht aus Struktur, Vertrauen und der Fähigkeit, auch unter Druck ruhig zu bleiben. Einsätze verlaufen selten exakt nach Lehrbuch. Informationen sind unvollständig, Lagen verändern sich und Entscheidungen müssen dennoch getroffen werden.
Die folgenden Gedanken sind keine Theorie, sondern Beobachtungen aus dem Einsatzalltag – darüber, was Führung wirklich wirksam macht.
Struktur hilft – löst aber keine Probleme
Dienstgrade, Fahrzeugkonzepte, Funkrufnamen und Standardabläufe geben Orientierung. Sie sorgen dafür, dass im ersten Moment jeder weiß, wo er hingehört. Gleichzeitig zeigt sich immer wieder: Struktur allein löst kein Problem.
Eine Lage wird nicht besser, nur weil der Ablauf bekannt ist. Entscheidend ist, dass Führungskräfte die Struktur als Werkzeug verstehen – nicht als starres Korsett. Wer nur nach Schema arbeitet, übersieht schnell das Wesentliche.
Struktur schafft Ruhe. Denken und Entscheiden bleibt trotzdem Aufgabe der Führung.
Erst erkunden, dann handeln
Unter Stress entsteht schnell der Impuls, sofort tätig zu werden. Gerade neue Führungskräfte glauben oft, dass schnelles Handeln automatisch gute Führung bedeutet. In vielen Lagen ist jedoch das Gegenteil richtig.
Ein sauberes Lagebild spart später Zeit und verhindert Fehlentscheidungen:
- Wo ist die eigentliche Gefahrenquelle?
- Wer ist betroffen?
- Welche Kräfte sind wirklich notwendig?
Ein kurzer Moment der Orientierung zu Beginn verbessert häufig den gesamten Einsatzverlauf.
Die Mannschaft ist komplementär – nicht gleich
Eine Gruppe funktioniert nicht, weil alle gleich sind, sondern weil sich Fähigkeiten ergänzen. Der Maschinist denkt anders als der Angriffstrupp, der Melder anders als die Einsatzleitung. Diese Unterschiede sind kein Hindernis, sondern eine Stärke.
Gute Führung erkennt die vorhandene Expertise und nutzt sie bewusst:
- Der erfahrene Maschinist kennt die Grenzen der Technik.
- Fachkräfte aus dem Handwerk oder Rettungsdienst bringen wertvolle Perspektiven ein.
- Erfahrene Kameraden sehen Risiken, die anderen entgehen.
Führung bedeutet nicht, alles selbst zu wissen, sondern die richtigen Menschen einzubeziehen.
Beteiligung und klare Ansage gehören zusammen
Im Übungsdienst wird viel Wert auf Mitdenken gelegt – zu Recht. Wer seine Mannschaft einbezieht, erhöht Verständnis und Motivation. Im Einsatz kann sich das jedoch ändern, sobald Zeit zum kritischen Faktor wird.
Dann braucht es klare Entscheidungen. Nicht autoritär um der Autorität willen, sondern weil Unsicherheit sonst größer wird. Gute Führung erkennt den Moment, in dem Diskussion in Entscheidung übergehen muss.
Beteiligung schafft Qualität. Klare Ansagen schaffen Tempo.
Ruhige Führung wirkt stärker als Lautstärke
Hektik überträgt sich sofort auf die Mannschaft. Eine ruhige Stimme, klare Worte und ein strukturierter Ablauf dagegen stabilisieren die gesamte Lage.
Viele Führungskräfte nutzen bewusst ein kurzes Sparring – etwa mit dem Melder oder einer Führungsassistenz – um Gedanken zu sortieren, bevor sie entscheiden. Dieses kurze Innehalten wirkt oft stärker als jede schnelle Reaktion.
Ruhig zu bleiben bedeutet nicht, langsam zu sein. Es bedeutet, bewusst zu handeln.
Auftrag statt Mikromanagement
Im Einsatz funktioniert Führung selten über detaillierte Anweisungen. Trupps erhalten einen klaren Auftrag und setzen ihn eigenständig um. Diese Auftragstaktik schafft Handlungsspielraum und Vertrauen.
Wer jeden Handgriff vorgibt, nimmt der Mannschaft Verantwortung – und sich selbst Überblick. Klare Ziele, eindeutige Prioritäten und Vertrauen in die Ausbildung der Kameraden führen meist zu besseren Ergebnissen.
Kommunikation: kurz, klar, bestätigt
Funkdisziplin ist kein Selbstzweck. Kurze, eindeutige Kommunikation verhindert Missverständnisse und spart Zeit. Rückmeldungen wie „verstanden“ oder „Auftrag ausgeführt“ geben Sicherheit.
In stressigen Lagen zeigt sich, wie wichtig einfache Kommunikationsregeln sind:
- keine langen Monologe
- klare Prioritäten
- eindeutige Rückmeldungen
Kommunikation ist eines der stärksten Führungswerkzeuge im Einsatz.
Resilienz durch Wissen im Team
Technik fällt aus, Kräfte wechseln, Lagen entwickeln sich anders als geplant. Deshalb ist es wichtig, dass Wissen nicht bei Einzelnen bleibt. Eine starke Mannschaft kann Rollen auffangen und sich gegenseitig unterstützen.
Regelmäßige Übungen, gemeinsames Lernen und das Weitergeben von Erfahrung machen eine Einheit widerstandsfähig – nicht nur im Einsatz, sondern auch danach.
Nachbesprechung gehört zur Führung
Der Einsatz endet nicht mit dem Einrücken. Die Nachbesprechung ist der Moment, in dem aus Erfahrung Lernen wird. Wichtig ist dabei ein offener Umgang:
- Was hat gut funktioniert?
- Wo gab es Unsicherheiten?
- Welche Entscheidung würden wir heute anders treffen?
Nicht Schuldzuweisung, sondern gemeinsames Lernen stärkt die Mannschaft langfristig.
Fazit: Führung ist mehr als ein Dienstgrad
Einsatzführung bedeutet nicht, immer die perfekte Lösung zu kennen. Es bedeutet, Orientierung zu geben, die Mannschaft einzubeziehen und im richtigen Moment Verantwortung zu übernehmen.
Drei Punkte zeigen sich immer wieder:
- Struktur gibt Halt, ersetzt aber kein Denken.
- Menschen sind unterschiedlich – und genau darin liegt die Stärke einer Einheit.
- Entscheidungen müssen manchmal gemeinsam, manchmal klar und schnell getroffen werden.
Wer unter Druck ruhig bleibt, Expertise nutzt und klar kommuniziert, schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist im Einsatz oft der entscheidende Unterschied.